Hochkarätige Gesangskunst (15.05.10)


Das Vokalquintett Berlin begeisterte mit italienischer und englischer Madrigalpoesie

 

„Ihr seid aus Marmor, schöne Feindin" - hart wie Stein zu sein ist nicht unbedingt ein Kompliment für die Liebste. Vielmehr beklagt sich in einem Madrigal von Heinrich Schütz (Di marmo siete voi) ein enttäuschter Verehrer, dem ein Kuss verwehrt wurde. Doch nicht nur Lieder über Liebesleid, sondern auch und vor allem über Liebesfreud brachte das Vokalquintett Berlin jetzt in der Jesus-Christus-Kirche zu Gehör.


Sweet Lovers Love … hieß das Programm der zwei ausgebildeten Sängerinnen und drei Sänger aus Österreich, Deutschland und Israel, die sich vor eineinhalb Jahren zu einem erstklassigen und bereits viel beachteten Ensemble zusammenfanden.


Eine Fülle von Dichtungen und Vertonungen zum Thema Liebe, Lust und Leid zeugt vom ebenso „verwirrenden wie beglückenden amourösen Auf und Ab", was das Quintett anhand eines sorgfältig ausgewählten Querschnitts eindrucksvoll belegte. „Liebeslieder aus vier Jahrhunderten" gab das Quintett zum Besten, darunter neben dem Madrigal The Silver Swan des englischen Renaissance-Komponisten Orlando Gibbons und der modernen, zeitgenössischen Adaption von Jaako Mäntyjärvi, auch bedeutende Werke aus der Blütezeit des italienischen Madrigals von Claudio Monteverdi sowie das bekannte Madrigal Nr. 7 Ride la primavera (Es lächelt der Frühling) von Heinrich Schütz, der seinerzeit eigens nach Venedig zog, um die hohe Kunst der italienischen Komposition zu erlernen.


Die Sopranistinnen Nathalie Siebert und Christine Bohnenkamp, Altus Jonny Kreuter, Tenor Martin Netter und Bass Amnon Seelig boten virtuose Gesangskunst und überzeugten in allen Bereichen, sowohl was die klare, präzise, deutliche Artikulation und die absolute Tonreinheit als auch die hervorragende Interpretation betrifft.


Zu jeder Zeit beeindruckend präsent befanden sich die glänzenden Frauenstimmen im perfekten und ausgewogenen Einklang mit den charaktervollen Männerstimmen - von leisen und hauchzarten bis hin zu voluminösen und pompösen Klängen. Und die Unmittelbarkeit und anrührende Direktheit des Madrigalgesangs in der hall- und reflexionsreichen Jesus-Christus-Kirche so rein und akzentuiert zur Entfaltung zu bringen, dazu gehört schon allerhand Können.


Äußerst lebendig und trotzdem in einer selten gehörten Exaktheit gelang dem Quintett auch Thomas Morleys berühmtes Madrigal Now ist the Month of Maying, mit dem die Sängerinnen und Sänger einen konzertanten Glanzpunkt setzten, der einem Zuhörer noch vor dem einsetzenden Beifall ein anerkennendes „Bravo" entlockte.


Auch die melodiöse Vertonung von Shakespears Sonett Nr. 18 (Shall I Compare Thee to a Summer's Day?) des zeitgenössischen schwedischen Komponisten Nils Lindberg und das charmant und originell von Johann Steffens (1560-1616) arrangierte Volkslied Der Kuckuck auf dem Zaune saß bot das Quintett sehr gekonnt dar. Den unverkennbaren Ruf des Kuckucks in Form einer kleinen Terz hielt Martin Netter im gesamten Lied als augenzwinkernde Finesse konsequent durch.


Mit dem besinnlichen Abendlied Guten Abend, gut' Nacht als Zugabe verabschiedete sich das Vokalensemble von einem begeisterten Publikum. Nettes Detail am Rande: Eine kleine Meise hatte sich ins Innere der Kirche verirrt und zwitscherte zwischenzeitlich vergnügt mit.


Doreen Koschnick in der Neuen Westfälischen vom 15.05.10

vokalquintett berlin auf facebooktwitter