Vokalquintett Berlin beim Abu Gosh Festival im Mai 2012 (27.05.12)

Auf dem Weg zum Konzert an einem der magischsten Konzertorte Jerusalems betreten die Festivalbesucher den friedvollen und üppigen Garten der historischen Kreuzfahrerkirche der Benediktiner von Abu Gosh. (…)

(…) Die Sänger des Vokalquintetts Berlin trafen Monteverdis expressiven und dramatischen Stil und den revolutionären Deklamationsstil seines fünften Madrigalbuchs genau. Sie bedienten sich der Konsonanten mit viel Energie, wählten ein gleichmäßiges Tempo, wodurch sie übertriebene Sentimentalität vermieden, und gingen doch direkt auf Dissonanzen zu und schöpften so plastisch und zartschmelzend aus Monteverdis vielgestaltiger Palette. Nathalie Siebert gestaltete die Linie des ersten Soprans durchweg herausragend, meisterhaft und ausdrucksstark; der Reichtum und Schmelz ihrer Stimme war ansprechend. Aus dem vierten Madrigalbuch (1602) hörten wir Sfogava con le stelle, in dem ein unglücklich Verliebter seinem Kummer an die Sterne gerichtet Luft macht. Das Ensemble drückte die Sehnsucht, die Verzweiflung und die Wut des versetzten Liebhabers aus.

(…) Heinrich Schütz' (…) opus 1 Libro primo de Madrigali. Diese kühnen Werke (…) sind reich an Polyphonie und schreien exotische Harmonien heraus. Sich ein weiteres Mal mit den Qualen und Verzückungen der Liebe beschäftigend, erstanden Ride la primavera, Io moro and Di marmo siete voi (…) in all ihrem Bilderreichtum und gewagten Harmonien vor unseren Ohren, wobei VB's angenehm leuchtender Klang in Seeligs rundem Basstimbre verankert war. (…)

 

(…) In einem unüberhörbar Gesualdos extrovertiertem musikalischem Geschmack, seinen emotionalen Extremen und gesitigen Qualen entstammenden Stil gestaltete das Vokalquintett Berlin Gesualdos Io tacerò (…) und Mercè! grido piangendo (…). Nie die Grenzen des guten Geschmacks überschreitend (…), präsentierten die Sänger des VB effektvoll die Unvorhersehbarkeit und Exzesse einer der originellsten und radikalsten Musiksprachen ihrer Zeit (…).

 

(…) Nachdem Monteverdis, Schütz' und Gesualdos Werke die unangenehmen und angstvollen Seiten der Liebe darstellten, erfuhr das Publikum nun Erleichterung durch Orazio Vecchis Gioite tutti (…) VB behandelte dieses Stück delikat, seine wechselvollen Tanzrhythmen, die die Jahreszeit der Liebe feiern (…) Beim ergreifenden Il bianco e dolce cigno mit sowohl seinem Pathos als auch seinen schnellen Parlando-Passagen zeigten die Sänger, wie wichtig Vecchi intensive Wortmalereien waren. Ihr Stimmklang blieb dabei makellos.

 

Das Konzert endete mit einigen Arrangements für Vokalquintett von Amnon Seelig, darunter den Song That's Amore komponiert 1952 von Harry Warren in einem Medley mit Peggy Lees and Sonny Burkes Bella Notte (aus Walt Disneys Film Susi und Strolch) in einem Arrangement im Stile der Comedian Harmonists, Lennon/McCartneys I Will, das Brindisi (…) aus Verdis La Traviata und Amnon Seeligs erfrischend andere Interpretation von Naomi Shemers Jerusalem aus Gold. Seeligs Arrangements sind anspruchsvoll, geistreich und zurückhaltend und strotzen vor interessanten harmonischen Farben (In einer der leichteren Nummern imitierte der Altus Jonny Kreuter gelungen eine gedämpfte Trompete). (…)

 

Nach dem Konzert hatte ich das Vergnügen, mich mit dem Tenor des Quintetts, Martin Netter, zu unterhalten. Auch Amnon Seelig kam später dazu. Netter erzählte mir, dass (…) das VB keinen Leiter hat; die Interpretation der Werke erreichten sie durch Diskutieren und Experimentieren; Amnon Seelig sprach davon, dass jedes Mitglied seine und ihre Expertise in die Gruppe einbringe. Durch seine regelmäßige Probenarbeit, ob nun in Vorbereitung eines nahenden Konzertes oder nicht, arbeite das VB an seinem eigenen unverkennbaren Ensembleklang, der nicht zuletzt aus dem reichen Mix ihrer musikalischen Geschmäcker und Singstile entstehe. Als ich erwähnte, dass das Ensemble die Alte Musik mit geradem Stimmklang sänge, betonte Netter, wie wichtig klare Vokale und Klänge für eine gute Mischung der Stimmen seien, aber erwähnte auch, wie das Ensemble sehr sparsam Vibrato einsetze um Phrasen zu gestalten und zentrale Töne anzureichern.

 

Das Festivalpublikum genoss seine Reise nach Splendid Italy. Die Mitglieder des Vokalquintetts Berlin zeigen ein tiefgreifendes Verständnis der Musik, die sie singen; ihre Diktion ist gut verständlich, genauso wie ihre Aussprache. Ihr durchgehend genaues Aufeinander Hören, ihre feinfühlig und angenehm ausgewogene Balance, die Mischung und der Farbenreichtum ihrer Stimmen charakterisieren den Auftritt des Ensembles, aber schließen individuelle musikalische Persönlichkeiten nicht aus. Das Auftreten des Vokalquintetts Berlin ist frisch, glanzvoll und aufregend.


Pamela Hickman (Jerusalem) in ihrem Konzerkritik-Blog vom 27.05.12
(Übersetzung Vokalquintett Berlin, der komplette Text auf Englisch)
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